Zweisprachigkeit

Der geographisch-kulturelle Raum, in dem sich die heutige Tschechische Republik befindet, lag seit jeher im Herzen des europäischen Geschehens. Auch wenn sich seine geopolitische Wichtigkeit in Abhängigkeit vom internationalen Kontext im Laufe der Zeit wandelte, so stellt er doch einen natürlichen Transitraum dar, oder, in der späteren Perspektive des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, eine den slawischen Osten mit dem germanischen Westen verbindende Brücke. Auch der Weg von Norden nach Süden führt durch diesen Raum. Die Geschichte der böhmischen Länder bietet reichhaltiges Material zum Studium der Mehrsprachigkeit. In der Vergangenheit gab es tschechische Sprachinseln in der deutsch- bzw. ungarischsprachigen Umgebung und deutsche Minderheiten im tschechischen oder slowakischen Raum, so dass es hier auf natürliche Weise zur Durchdringung und Verschränkung von Sprachen und Kulturen kam.

Damit die Verwendung des Begriffs Zweisprachigkeit möglichst aussagekräftig ist, muss dieser zunächst präzise und im Hinblick auf den Verwendungskontext im Rahmen des Projekts definiert werden. Nicht weniger wichtig ist die Festlegung von Kriterien, anhand deren die zweisprachigen Deutsch- und Tschechischkenntnisse identifiziert und beurteilt werden. Es geht also in letzter Konsequenz um die Entscheidung, welche Personen als geeignete Interviewpartner in die Befragung aufgenommen werden und welche nicht.

Eine allgemeine Definition der Zweisprachigkeit beschreibt sie als Kenntnis von zwei verschiedenen Sprachen auf hohem Kommunikationsniveau, d. h. eine bilinguale Person ist imstande, sich in beiden Sprachen quer durch alle Themenbereiche auf dem Niveau eines Muttersprachlers auszudrücken. Diese sehr allgemeine, eher alltagsweltliche Vorstellung von Zweisprachigkeit weist zumindest zwei große Mängel auf. Zum einen lässt sich das Niveau eines Muttersprachlers kaum definieren, zum anderen erstreckt sich die Sprachkompetenz zweisprachiger Personen nur selten auf beide Bereiche gleichmäßig. Dies liegt darin begründet, dass die Sprachen in unterschiedlichen Domänen zum Einsatz kommen - die eine Sprache ist oft ein Kommunikationsmittel für die Privatsphäre (Familie, Freunde), die andere ist für die öffentliche Kommunikation bestimmt (Arbeitsplatz, Schule usw.). Die beiden Sprachen unterscheiden sich also schon durch ihre Verwendungsmotivation und insbesondere im lexikalischen Bereich. Das Handwörterbuch der tschechischen Sprache zählt beinahe 320 Tausend Lexeme, ein durchschnittlicher Sprecher dieser Sprache verfügt in seinem passiven Wortschatz allerdings nur über etwa 40 Tausend. Die Bedeutungen der meisten Wörter sind uns unbekannt. Es kommt also oft vor, dass beispielsweise ein zweisprachiger IT-Experte auf Deutsch problemlos und fließend über seine Arbeit sprechen kann, auf Tschechisch (seine zweite Muttersprache) hat er indes enorme Schwierigkeiten, sich über das gleiche Thema auszudrücken. Oder eine bilinguale Person, die auf Tschechisch eine Unterhaltung über Sport auf hohem Niveau und terminologisch bewandert führen kann, ist nicht imstande, mit der gleichen Selbstverständlichkeit ein Gespräch über die Regeln und Organisation der deutschen Bundesliga zu führen (z.B. das Gespräch mit Naomi Keck).    

            Unter Zwei- (oder Mehr-)Sprachigkeit versteht man das Vorkommen von zwei (oder mehreren) Sprachsystemen, die sich ein Individuum in verschiedenen Formen und Stufen aneignet. Eine umfassende und angesichts der Sprachfertigkeit eines zwei- bzw. mehrsprachigen Menschen wirklich überzeugende Definition steht allerdings bis heute aus. Wie bereits erwähnt, kann das Phänomen der Zweisprachigkeit unterschiedlich und auf vielfältige Weise angegangen und definiert werden. Für den Zweck unserer Untersuchung brauchten wir dennoch eine feste Basis und mussten die Zweisprachigkeit zumindest in groben Zügen bestimmen. Folgende Kriterien waren für uns relevant: Unsere Interviewpartner sollten ihren Wohnsitz in dem zuvor territorial-administrativ definierten Raum haben und beide Sprachen von Anfang an im familiären Umfeld von Muttersprachlern gelernt haben, wobei das kommunikative Niveau der beiden Sprachen (Deutsch und Tschechisch) nicht unbedingt deckungsgleich sein musste. Ihre Zweisprachigkeit kann also im Einklang mit mehreren theoretischen Ansätzen als „natürlich“ bezeichnet werden.

Die Klassifizierung von Zweisprachigkeit orientiert sich an unterschiedlichen Kriterien, beispielsweise dem Spracherwerb, möglichen Unterrichtsmethoden oder dem Niveau der Sprachkenntnisse. Da wir aber nicht das Phänomen Zweisprachigkeit in seiner Komplexität untersuchen wollen, wird an dieser Stelle auf eine Überblicksdarstellung der verschiedenen Forschungsansätze verzichtet. Damit aber unsere Festlegung, unsere Interviewpartner sollen natürlich zweisprachige Personen mit individueller, nicht kollektiver Sprachkompetenz sein, nicht einer festen Basis entbehrt, müssen die einzelnen Typen bestimmt werden. Allerdings muss man auch bedenken, dass diese Typen in der Praxis häufig nicht in reiner, sondern vielmehr in gemischter Form vorkommen.

Einige Forscher sind der Ansicht, dass man auch dann als zweisprachig gelten kann, wenn man diese Fähigkeit auf künstliche, nicht auf natürliche Weise (als Mutter- oder Familiensprache) erworben, die zweite Sprache also in der Schule gelernt hat. Bei der natürlichen Zweisprachigkeit werden beide Sprachen in alltäglichen Kommunikationssituationen gelernt bzw. erlebt.

            Wie bereits weiter oben erwähnt, spielte das Niveau der Sprachkenntnisse bei Auswahl der Interviewpartner keine Rolle.

  1. Die sog. ausgewogene Zweisprachigkeit, d. h. identische oder sehr ähnliche Kompetenz in beiden Sprachen, ist eher eine Ausnahme. Der Normalfall ist vielmehr die dominante Zweisprachigkeit, bei der die Kompetenz in der einen Sprache aus verschiedenen Gründen höher ist als in der anderen. Auch das Niveau der verschiedenen Sprachfertigkeiten (Sprechen, Lesen, Schreiben, Hören) kann quer durch die beiden Sprachen variieren.
  2. Die ausgewogene Zweisprachigkeit, bei der die bilinguale Kompetenz gleichmäßig ist, kommt relativ selten vor, deswegen wird sie auch angestrebt. Es handelt sich jedoch um einen anstrengenden Prozess.

 

            Die simultane Zweisprachigkeit entsteht in Situationen, in denen beide Sprachen von der Umgebung oder den Eltern gleichzeitig erworben werden. Sie ähnelt dem Typus der ausgewogenen Zweisprachigkeit, mit dem Unterschied, dass bei dieser mit dem Erwerb der zweiten Sprache später angefangen werden kann. Wenn man die zweite Sprache zu lernen anfängt und zu diesem Zeitpunkt die erste Sprache schon vollständig beherrscht, handelt es sich um sequenzielle Zweisprachigkeit. Die Sprachen einer bilingualen Person beeinflussen sich auf verschiedenen Ebenen (Rechtschreibung, Phraseologie, Wortfolge, Syntax, Morphologie, Aussprache).

Bei der sequenziellen Zweisprachigkeit kann die zweite Sprache (von den Eltern) frei gewählt werden, es muss nicht strikt die Mutter- oder Vatersprache sein.

 

Bei den interviewten Personen handelt es sich sowohl um natürlich zweisprachige Personen als auch um simultane, sequenzielle und dominante Zweisprachigkeit. In einem Fall kann man über Anstreben der Zweisprachigkeit sprechen.

Alle interviewten Personen empfinden ihre Zweisprachigkeit als Vorteil, wobei der Weg zu ihr nicht immer leicht war.

Literatur:

AYAZ ÖZBAG, Derya. Bilingualismus in der multikulturellen Gesellschaft: Sprachentwicklung und Zweitspracherwerb in Zeiten der Globalisierung. Hamburg: DiplomicaVerlag, 2014. ISBN 9783842896147.

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SKUTNABB-KANGAS, Tove. Bilingualism or not: the education of minorities. Clevedon: Multilingual Matters, 1981. ISBN 9780905028187.