Literarischer Reiseführer zwischen Passau (Pasov) und České Budějovice (Budweis)

Reiseführer allgemein, darunter auch „Literarische Führer“ oder „Literarische Reiseführer“, erfreuen sich großer Beliebtheit. Die gedruckten, gewissermaßen „klassischen“ Versionen haben erfolgreiche wachsende Konkurrenz, vielleicht besser gesagt: elektronische, datengestützte Ergänzungen erhalten. Diverse Apps oder Bild- und Tonträger eröffnen virtuelle Räume für interessierte Literaturfreunde. Dabei sollte man nicht allzu sehr zwischen „altem“ und „neuem“ Medium unterscheiden, vor allem nicht wertend, denn „virtuell“ ist ja auch der gedruckte Führer. Erst wenn der Benutzer mit dem Buch in der Hand oder der App auf seinem Smartphone „losgeht“, wird es konkret, sinnlich, anschaulich.

Literarische Reiseführer, auch wenn dieser stark touristisch fundierte und orientierte Terminus neueren Datums ist, gab es eigentlich immer schon. Wie viele sind nicht schon mit Goethes „Italienischer Reise“ auf der Suche nach Arkadien gewesen? In der Erfolgs-Komödie „Go, Trabi, go!“ mit Wolfgang Stumph bildet Goethes Buch den Rahmen einer humorvollen Tour aus der ostdeutschen Ödnis von Bitterfeld in römische Geschichte und Welthaltigkeit. Die dann freilich, anders als bei Goethe, ihre Tücken und Gefahren für die neuen Italien-Reisenden hat. Heinrich Heines „Reisebilder“ sind zwar primär satirisch-poetische Auseinandersetzungen mit der Zeit, kommen aber durchaus auch als Reiseführer in den Harz, an die Nordsee oder für eine Reise von München nach Genua in Betracht. Dass Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ von vielen Deutschen nach der Wiedervereinigung als eine Art Baedeker für die Wiederentdeckung einer geschichts- und kulturträchtigen Landschaft diente, ist ebenfalls bezeugt.

Es gibt kaum größere Verlage, die sich dieser Trends nicht angenommen hätten – nicht nur durch Neuauflagen von besagten und weiteren, literatur- und kulturhistorischen Büchern – sondern auch durchaus eigenständiger Publikationen. Für den literarischen Raum, dem das Projekt „Aus der Tradition  in die Zukunft. Das sprachlich-literarische Erbe Ostbayerns und Südböhmens als Fokus universitäter Zusammenarbeit“ gewidmet ist, ihn zu „vermessen“ suchte, ist beispielsweise der Verlag Friedrich Pustet Regensburg oder der Lichtung Verlag Viechtach hervorzuheben. Auch die Angebote sogenannter „Literarischer Spaziergänge“, wie sie beispielsweise der rührige Dirk Heißerer nicht nur für Schwabing, den Tegernsee, München oder Augsburg, auch für den Gardasee anbietet, haben sich so gut wie zu jedem Ort, der in dieser Hinsicht etwas „zu bieten hat“ fest etabliert. Die persönliche Exkursion mit Führer – oder auch die selbständige Erkundung mit dem entsprechenden gedruckten oder virtuellen „Spaziergang“ in der Hand oder vor Augen sind Optionen, Literatur-Geschichte und persönliche räumliche Erfahrung zu verbinden. Das Ganze wird fach-terminologisch als „Literaturtourismus“ bezeichnet – was, wie in der kritischen Reflexion auf Tourismus heutzutage insgesamt – zwar immer noch von manchen mit hochgezogenen Augenbrauen zur Kenntnis genommen wird, aber als lokales, regionales wie internationales Phänomen zum festen Angebots-Bestand gehört. Wenn dieser „Lit-Tourismus“ klug entwickelt wird und sich an ein allgemeines interessiertes Publikum wendet, ist die wirtschaftliche Bedeutung nicht unwesentlich. Davon können Reiseveranstalter wie Reisebüros, Unternehmen des Hotel- und Gaststättengewerbes ebenso profitieren wie die entsprechenden Kommunen selbst. Weimar kann man hier als ein besonders markantes Beispiel nennen – aber auch an weniger illustren Schauplätzen lässt sich damit nicht nur kulturelles, geschichtliches, sondern durchaus ökonomisches Kapital gewinnen. Dass es also einen wirtschaftlichen Aspekt hat, wie Kunst und Kultur im globalisiert-ökonomisierten Zeitalter allgemein, mag man wiederum bedauern, kulturkritisch bedauern, ist aber für so manche Gemeinde oder Stadt ein wahrer Segen. Es kommt ja auch hier weniger auf das „Wie“ an als auf das „Dass“.

Auch wenn man von einem Boom, einem Trend in diesem Bereich mit einigem Recht sprechen darf, so gibt es doch auch noch manch „weißen Fleck“ auf der Landkarte für literarische Reiseführer. Die Zentren, etwa Prag und München, auf tschechischer Seite noch die westböhmischen Bäder wie Karlsbad, Marienbad, Franzensbad haben solche Führer gefunden, und das in mehrfachen Variationen, Aktualisierungen, attraktiven Formaten. Aber sieht man sich dann etwas im weiteren Umkreis um, so lässt diese „spezifische Dichte“ doch erheblich nach: für den Raum des hier geförderten Projektes bleibt der Befund recht „überschaubar“, die Region zwischen Passau und Budweis ist da durchaus „ausbaufähig“.

Im bereits erwähnten Lichtung-Verlag erschien 2013 das „ReiseLeseBuch Niederbayern“, als „neues literarisches und fotografisches Porträt Niederbayerns“. Im selben Verlag, schon einige Zeit zuvor, 1993 in zweiter Auflage das „Reise-Lesebuch“ Bayerischer Wald. Allerdings stellen beide Projekte weniger literarische Reiseführer im engeren Sinne dar als vielmehr Anthologien, Sammlungen von Texten und Textausschnitten, die sich auf die jeweiligen Örtlichkeiten beziehen. Man vermisst die geographischen, biographischen und historischen Kontextualisierungen, v.a. aber auch Tipps und Anregungen, wie man sich die Text-Räume zu konkret erwanderten, besuchbaren Arealen, Wegen, Ansichten machen könnte. Zwischen Anthologie und Literarischen Führer zu einer literarischen Landschaft besteht also ein gravierender Unterschied. Natürlich lassen sich auf bayerischer Seite auch die entsprechenden Passau- respektive Niederbayern-Passagen in der Fülle von „Donau“-Büchern heranziehen – so etwa das 27. Kapitel in Claudio Magris epochaler Fluss-Geschichte „Donau. Biographie eines Flusses“, mit der Kapitelüberschrift „In der Stadt Passau“ – oder neueren Datums Nick Thorpes „The Danube. A Journey Upriver from the Black Sea to the Black Forest“, 2013. Dort spielt Passau im Kapitel “Oh Germany, Pale Mother” eine Rolle. Der literarisch im Grenzraum zwischen Bayern und Böhmen tätige und wirkende Schriftsteller Bernhard Setzwein hat 2005 einen Band „Die Donau: Eine literarische Flussreise von der Quelle bis Budapest“ vorgelegt, der unseren Projektraum ausschnittsweise ebenso streift wie die Zeitschrift „Die Donau: Lebensader, Kulturräume, Erkundungen“. Die entsprechenden Orte, auch die kleineren im Projekt-Raum, so sie denn literarisch-literarhistorisch „auffällig“ geworden sind, kann man außerdem im umfassendsten – deutschen – Projekt dieser Art nachschlagen: im „Literarischen Führer Deutschland“, von Fred Oberhauser und Axel Kahrs, erschienen im Insel Verlag 2008. Dieses fast 1500 engbedruckte Seiten umfassende Kompendium kann auch ein Ausgangspunkt für „kleinräumigere“ literarische Räume und deren Erschließung für Besucher sein. Denn die Auswahlkriterien dort eignen sich vorzüglich auch für solche.

  • Kürzere oder längere Aufenthalte von Autoren am jeweiligen Ort, in der jeweiligen Region
  • „Belletristische Topographie“ im Sinne von literarischen und kritischen Texten über diese Regionen
  • Wichtige Stoff- und Motivkreise, die zur entsprechenden Region gehören
  • Literarisch relevante Institutionen am Ort, in der Region, etwa Bibliotheken, Archive, literarische Einrichtungen wie Vereine, Clubs etc.
  • Lokal wie regional weiterführende Literatur
  • Literaturorte in der Nachbarschaft, „gelegentlich auch die politischen Grenzen überschreitend“

Diese Grenz-Überschreitung freilich ist, in Bezug auf Niederbayern-Südböhmen, so gut wie nicht unternommen worden.

Auf tschechischer, südböhmischer Seite ist der Befund noch spärlicher, fällt bescheiden aus. Fast immer und ausschließlich sind es die „Spuren Adalbert Stifters“, denen dabei gefolgt wird. So spezifisch in der Interreg-Publikation (Broschur) „Adalbert Stifter. Básník Šumavy“, herausgegeben vom Tourismus Verband Linz, o.J.. In dem Heft werden kurz und prägnant alle „stifterrelevanten“ Orte der Region vorgestellt, verbunden mit Wander- bzw. Spazierwegen, den „Literární stezka Adalberta Stiftera“. Den Charakter eines ausgearbeiteten literarischen Führers kann dies zwar nicht erfüllen, wäre aber ein guter Ausgangspunkt. Doch wie gesagt: „nur“ in Hinsicht auf Adalbert Stifter aus Oberplan/Horní Planá. Ihm folgt im Wesentlichen auch die bei Vitalis in Prag erschienene „LeseReise Böhmerwald“, kommt aber durch Aufnahme von Orten wie Böhmisch Krummau,  Prachatitz oder Winterberg immerhin doch ein Stück „weiter“. Kartographisch am hilfreichsten freilich und deshalb am ehesten heranzuziehen, wenn man die Projekt-Region als Maßstab nimmt, ist die im Abschlussband unseres Projektes publizierte, von Hana Ditrichová erarbeitete Karte „Literarischer Reiseführer durch den Böhmerwald“, abgebildet dort auf S. 348. Dort wird dieser schraffiert ausgewiesen, aber das „Hinterland“, das z.B. auch für Hašek oder Kafka „ergiebig“ ist, mit ausgewiesen. Der Literaturraum Südböhmen ist es wert, kartiert zu werden – ebenso wie der Niederbayerns. Das hat sich im literaturwissenschaftlichen Teil des Projektes „Aus der Tradition in die Zukunft. Das sprachlich-literarische Erbe Ostbayerns und Südböhmens als Fokus universitäter Zusammenarbeit“ nachdrücklich wie nachhaltig gezeigt. Freilich muss es einer eigenständigen Publikation vorbehalten bleiben, dies im Detail und umfassend nachzuweisen. Hier sind praktisch Prolegomena zu einem Literarischen Reiseführer der Region vorgelegt worden, ihre Realisation bedarf eines eigenständigen Projektes. Im literaturwissenschaftlichen Beitrag zur Abschlusspublikation sind gewissermaßen die „Spuren“ ausgelegt, mehr war im Rahmen der begrenzten Zeit nicht möglich. Aber die in Verbindung mit der Datenbank entstehende App ist die virtuelle Variante eines solchen „klassischen“ literarischen Reiseführers. Anhand dieser App entstehen so örtliche Profile, die für potentielle Besucher Hilfsmittel und Ausgangspunkte sein können.

Was Valentin Groebner in seinem Buch „Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen“ (Frankfurt am Main 2018) über das Bedürfnis, Vergangenheit zum Erlebnis zu machen sagt, gilt mutatis mutandis natürlich auch für diese „Erinnerungsorte“ einer literarischen Landschaft – er spricht von „Wiederbelebung“: „Wenn ein Ort zum Erinnerungsort wird, geht es immer um eine solche Verwandlung. Er wird damit ins Futur II verschoben: Er muß nicht nur von der Vergangenheit künden, sondern auch Informationen darüber enthalten, was ihn an Zukunft zum historischen Ort gemacht haben wird.“ (ebd., S.27). Dies gilt natürlich auch für den literarhistorischen Ort.