Methoden der Interviewführung

Die eigentliche Interviewführung erfolgt nach festgelegten Regeln. Die verantwortungsbewusste Vorbereitung auf ein Interview besteht u. a. in der Aneignung der richtigen Methodik. Die Gespräche wurden geführt und ausgewertet nach der Methode des narrativen Interviews und der Oral History-Methode.

Die letztgenannte Methode wurde im Bereich der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften als Strategie der Informationsgewinnung aus mündlichen Gesprächen mit Zeitzeugen entwickelt. Die Befragten sind häufig Personen mit aussagekräftigen individuellen Erlebnissen, Ansichten oder Erfahrungen, die dem Forscher eine neue Perspektive auf das untersuchte Thema, auf den fokussierten Bereich oder die Region vermitteln können. Die Oral History-Methode ist seit den 1980er Jahren ein legitimes Instrument der historischen Wissenschaft. Zentrale Technik zur Erhebung ist das Interview, im Laufe dessen Audioaufnahmen entstehen, aus denen in der anschließenden Bearbeitung und Auswertung einzigartige persönliche Erlebnisse und Kommentare extrahiert werden. Das A und O eines erfolgreich geführten Gesprächs nach der Oral History-Methode sind gut vorbereitete Interviewer und Befragte. Das Interview wird in Ton bzw. auch Bild aufgezeichnet, so dass es auch in der Zukunft für weitere Forschungen dienen kann.     

Der direkte Kontakt und die Kommunikation mit den befragten Personen ist ein Bestandteil der qualitativen Datenerhebung in der Sozialforschung. Diese Methode vermittelt auf der Grundlage einer relativ niedrigen Zahl an Beobachtungen oder Befragungen Einsichten in die gesellschaftliche Wirklichkeit. Grundlegend ist die direkte Partizipation des Interviewers, d. h. sein Beitrag zur Qualität der gesammelten Daten, die er unmittelbar beeinflussen kann. Das Interview repräsentiert die Face-to-face-Kommunikation zwischen zwei Personen. Im Gespräch werden drei Typen von Fragen gestellt: offene, halb offene und geschlossene. Geschlossene Fragen zielen vorwiegend auf eindeutige Antworten also „ja“ oder „nein“ ab. Ist Ihre Mutter eine Deutsche? Sie kommen da zum Einsatz, wo eine schnelle Antwort gewünscht ist. Mit offenen Fragen sollen qualitative Informationen gesammelt werden, die üblicherweise in höherer Zahl erscheinen, da der Befragte durch keine bestimmte Fragestellung eingeschränkt ist. Können Sie mir etwas über Ihre Mutter sagen? Halb offene Fragen stellen dann eine Kombination der beiden dar, d. h. wir vermuten eine bestimmte Antwort und sind an ihrer Ausführung interessiert. Denken Sie, dass es eine gute Idee war, in der Tschechoslowakei zu bleiben? Warum?

Das Interview geht aus der natürlichen verbalen Kommunikation zwischen dem Interviewer und der befragten Person hervor. Eine mögliche Einteilung wäre:

- Interview mit Anleitung

- narratives Interview

- Gruppeninterview.

           

Der Vorteil bei allen Interviewtypen ist ein direkter Kontakt zwischen Interviewer und Befragtem. Dadurch werden unklare Aussagen minimalisiert und weitere Details zu konkreten Informationen gewonnen. Die Fragen werden frei gestellt und können im Laufe des Gesprächs weiter modifiziert oder ergänzt werden. Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, auch die nonverbale Kommunikation des Befragten zu beobachten. Nachteilig wiederum wären der relativ große Zeitaufwand, die kleine Zahl an Befragten oder unzureichende oder gar ausbleibende Interaktion seitens des Befragten. Aber auch der Interviewer kann das Gespräch negativ beeinflussen, beispielsweise wenn er unvorbereitet ist, die Fragen auf falsche Weise stellt oder die Befragung nicht kompetent genug führt.

Ein wichtiger Bestandteil der Interviewführung ist auch das Zusammentragen authentischer Dokumente über den Zeitzeugen. Dabei handelt es sich um persönliche und private Dokumente, die der Befragte dem Interviewer zur Verfügung stellt – Fotografien, auf denen er selbst oder sein Lebensumfeld abgebildet sind, wichtige Dokumente wie Zeugnisse, Gerichtsurteile, Begnadigungen, Dekrete, Auszeichnungen, Preise usw. Das Interview kann auch um weitere öffentliche Dokumente und Daten ergänzt werden, die aus Archiven,  Beständen und Bibliotheken bezogen werden. Das Studium dieser Quellenbasis und Fachliteratur betrifft jedoch eher historische Themen.   

Für unsere Zwecke am geeignetsten schien uns das sog. narrative Gespräch, manchmal auch als biographisches Gespräch bezeichnet, bei dem der Befragte seine Lebensgeschichte erzählt. Jedes Individuum und seine Identität setzen sich aus Ereignissen narrativen Charakters zusammen. Im narrativen Weltbild präsentiert sich die Subjektivität seiner Erlebenswelt. Der Forscher muss allerdings bedenken, dass die Lebensgeschichten sich im Rückblick und im Laufe der Zeit immer etwas verändern und dass das Gespräch durch seinen Kontext eingeschränkt ist. Das hat zur Folge, dass der Befragte seine Lebensgeschichte nicht immer in der gleichen Form zu erzählen vermag, sondern sie in Abhängigkeit von seinem aktuellen psychischen Zustand ständig modifiziert. Auch deshalb erscheint es angebracht, die im Gespräch gewonnenen Informationen mit Daten aus anderen Quellen oder aus der Fachliteratur zu konfrontieren.    

Der erste Teil des Interviews besteht in der Stimulation des Befragten. Das bedeutet in unserem Fall, dass er über das Projekt, seine Inhalte und Zielsetzungen informiert wurde. Dem Gespräch ging in vielen Fällen eine langwierige E-Mail- oder Telefonkommunikation voraus, aber es ist die erste persönliche Begegnung. Deshalb ist es erforderlich, vor dem Beginn der Aufnahme ein kurzes informelles Gespräch zu führen, um Nervosität zu dämmen und eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Jeder Befragte erhielt im Vorfeld der Befragung rechtzeitig die grob formulierten Fragen, um sich eine Vorstellung vom kommenden Gespräch machen und sich ein bisschen vorbereiten zu können. Dies diente nicht zuletzt auch dazu, dass der Befragte Zeit hatte, ggf. Daten nachzuschauen, die er nicht sofort parat hatte (beispielsweise das Jahr, in dem er in die Grundschule kam oder das genaue Datum des Umzugs usw.).

Während der Aufzeichnung ist es optimal, den Befragten locker entlang des grundlegenden Rahmens frei reden zu lassen. Zwischenfragen sind nur dann sinnvoll, wenn sich die Erzählung zu weit vom gegebenen Thema entfernt oder wenn der Erzählfluss stockt und Unterstützung braucht. Das Stellen von Fragen ist der entscheidende und schwierigste Punkt einer Interviewführung. Genauso wichtig ist aber das aktive Zuhören, das eine unmittelbare Reaktion auf das Gesagte und ggf. die Lenkung des Gesprächs in eine andere Richtung ermöglicht. Durch die sensible Wahrnehmung von Gefühlen des Gesprächspartners gewinnt man auch zusätzliche Informationen nichtverbaler Art, beispielsweise über die Wichtigkeit des jeweiligen Ereignisses für den Befragten, über seine Empfindungen und Einstellungen u. ä. In sachlicher Argumentation verbalisiert der Befragte seine persönlichen Erfahrungen in eigenen Worten und mit Hilfe allgemeiner Formulierungen, später werden diese Aussagen durch Analyse und Informationsvergleich gestützt.

Nachstehend werden Beispiele für solche in einem narrativen Interview zum Einsatz kommende Leitfragen angeführt:

  • Fragen zu den Lebensumständen: Wann und wo sind Sie geboren? Wo wohnen Sie? Was waren Ihre Eltern von Beruf? Von wem lernten Sie Tschechisch/Deutsch? Können Sie mir sagen, in welche Schule Sie gegangen sind? Welchen Beruf hatten Sie?
  • Fragen zu einem bestimmten Themenbereich: Können Sie mir etwas Näheres zu Ihren Eltern sagen, zu ihren Lebenseinstellungen und ihrem Verhalten während des Krieges? Welcher Art war ihre Beziehung zu Ihnen?
  • Weiterführende Fragen zur Verdeutlichung der Argumentation: Können Sie beschreiben, wie Ihre Mutter mit der Trennungssituation zurechtkam?
  • Fragen zu Wissen und Kenntnissen anderer Personen bzw. zu übertragenen Erfahrungen: Können Sie sich noch erinnern, wie Ihre Schwester reagierte, als Sie ihr den Begriff Zweisprachigkeit erklärten?

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Literatur:

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HOLÁ, Lenka. Mediace a možnosti využití v praxi. Praha: Grada, 2013.

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NOVÝ, Ivan a Alois SURYNEK. Sociologie pro ekonomy a manažery. 2., přeprac. a rozš. vyd. Praha: Grada, 2006.

PLAMÍNEK, Jiří a Daniel FRANC. Komunikace a prezentace: umění mluvit, slyšet a rozumět. 2. Praha: Grada, 2012.

REICHEL, Jiří. Kapitoly metodologie sociálních výzkumů. Praha: Grada, 2009.

SURYNEK, Alois, KOMÁRKOVÁ, Růžena a Eva KAŠPAROVÁ. Základy sociologického výzkumu. Praha: Management Press, 2001.

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