Methoden soziologischer Datenerhebung

Bei der Auswahl geeigneter Personen, die sich gesteuerten Interviews unterziehen sollten, kamen die beiden grundlegenden Methoden der Sozialforschung - die quantitative und qualitative - zum Einsatz. Dank der quantitativen Datenerhebung (Fragebögen in elektronischer wie gedruckter Form) sollte ein möglichst breiter Kreis von geeigneten zweisprachigen und im Referenzgebiet lebenden Personen ermittelt werden. Dank der qualitativen Datenerhebung sollte dann  ihre interessante Lebensgeschichte aufgenommen werden.

Quantitative Forschungsmethoden

Aus dem breiten Spektrum der Methoden soziologischer Datenerhebung wurde die Befragung anhand eines Fragebogens mit halboffenen Fragen ausgewählt, die uns für die gegebenen Untersuchungszwecke die geeignetste zu sein schien. Die Struktur des Fragenbogens war standardisiert, denn die Standardisierung der Fragen führt zur Reduktion und Regulierung von Informationen. Im ersten Schritt sollten die zweisprachigen (Deutsch und Tschechisch beherrschenden) Bewohner der Region ausfindig gemacht werden.

Fragebögen stellen die am häufigsten genutzte Methode zur Erhebung und Sammlung von Informationen allgemeiner Art dar. Die gewonnenen Erkenntnisse sind zeitlich sehr stabil und verlässlich, einfach und schnell ist auch ihre mathematische und statistische Bearbeitung. Methodisch am anspruchsvollsten fällt die Gestaltung des Fragebogens selbst aus, der leicht verständlich und übersichtlich sein und als eine Art elementarer Wegweiser für das gegebene Problem fungieren muss. Unverzichtbar für die Befragung ist dann eine repräsentative Gruppe von Personen, die die Grundlage für eine adäquate statistische Analyse und die sich daraus ergebenden Erkenntnisse bildet.       

Ein Vorteil bei der quantitativen Datenerhebung ist die Größe der Referenzgruppe, was in unserem Fall eine Rolle spielte. Aus einer ausreichend großen Anzahl an Befragten lassen sich statistische Einheiten bilden, die in ihrem Zusammenspiel die Annahmen (Hypothesen) der jeweiligen Untersuchung verifizieren oder falsifizieren können. Die quantitative Methode diente uns zur orientierungsweisen Ermittlung von Daten und allgemeinen Informationen über die untersuchte Region und sollte aus einem größeren Umkreis von Befragten abstrahiert werden. Im nächsten Schritt folgten dann die Bearbeitung der Fragebögen mit statistischen und mathematischen Methoden und ihre Auswertung anhand des Kriteriums „genügt“ bzw. „genügt nicht“. Die quantitative Datenerhebung gilt als das für die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen passende Modell, da es die einzelnen Stufen der Hypothesenformulierung, Datenerhebung, Datenanalyse und Verifizierung bzw. Falsifizierung der Hypothese umfasst.

Unsere Hypothese bestand in diesem Fall in der Annahme, dass die im Rahmen der definierten Region zu findenden zweisprachigen Personen den folgenden drei Typen angehören würden:

  1. Personen im Rentenalter, deren Zweisprachigkeit auf das natürliche Zusammenleben beider Ethnien im Gebiet der durchlässigen bayerisch-tschechischen Grenze oder die natürliche Vermischung des bayerischen und tschechischen Elements im Grenzraum zurückgeht und die vor dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden.
  2. Personen im Erwerbsalter, denen ihre Deutsch- und Tschechischkenntnisse durch die Eltern vermittelt wurden. Geboren und aufgewachsen im deutsch- bzw. tschechischsprachigen Umfeld, eigneten sie sich Tschechisch bzw. Deutsch als die Sprache eines Elternteils als ihre „zweite“ Muttersprache an. Während des Kalten Krieges gab es für sie keine Möglichkeit des direkten Kontakts mit dem jeweils anderen Kulturkreis. Konkret vermuteten wir bei Nachkommen von vertriebenen Sudetendeutschen oder den aufgrund der politischen Verfolgung im damaligen kommunistischen Regime ins Exil gegangenen Tschechoslowaken fündig zu werden, die in Bayern aufgewachsen sind oder bei denen, die aus verschiedenen Gründen nicht vertrieben wurden und in der Tschechoslowakei geblieben waren.
  3. Schüler, Studenten und junge Menschen, die in der Zeit nach den gesellschaftspolitischen Veränderungen der Wende geboren sind bzw. Personen, die in nach 1989 geschlossenen Mischehen aufgewachsen sind. D. h. Menschen, die von der freien und unbeschränkten Bewegung über die Staatsgrenze und vom direkten und ungehinderten Kontakt mit dem kulturellen Umfeld des jeweils anderen Landes profitier(t)en.  

Unsere Hypothese ließe sich also folgendermaßen formulieren:

Die zweisprachigen Personen im bayerisch-tschechischen Grenzraum kommen in allen Alterskategorien vor (Kinder/Jugendliche - Personen im produktiven Alter - Senioren), aber die Gründe ihrer Zweisprachigkeit sind unterschiedlich. Bei den meisten natürlich zweisprachigen Personen wird es sich vermutlich um Vertreter der dritten Kategorie, d. h. um junge, nach 1989 geborene Menschen handeln.  

 

Qualitative Methoden

Mit Hilfe der Fragebögen sollten geeignete Personen zur Interviewführung gefunden werden um somit die Validität der elektronischen und gedruckten Fragebögen auf Grundlage der eigenen empirischen - qualitativen - Forschung zu überprüfen. Wir fanden in dieser Situation eine der Grundprämissen der Sozialforschung bestätigt, die besagt, dass quantitative Methoden lediglich dann valide Ergebnisse erzielen können, wenn sie genügend empirisches Material (ausgefüllte Fragebögen) zur Verfügung haben. Im anderen Fall können die eruierten Daten keiner seriösen Analyse oder Schlussfolgerung standhalten. Zunächst war geplant, die Ergebnisse der weiter oben skizzierten quantitativen Untersuchung zu sortieren. Bei einer quantitativen Datenerhebung wird der Umkreis potentieller Befragter durch die Anlegung detaillierterer Informationen reduziert. Das Ziel war es, eine größere Gruppe von geeigneten Personen zur späteren Interviewführung zu bilden, so dass man zwischen ihnen wählen kann.

Die Ergebnisse der quantitativen Untersuchung konnten jedoch nicht als relevant gelten, denn nicht einmal kam von den Fragebögen  in elektronischer Form eine ausreichende Menge zusammen. Die Umstände erforderten also eine Revision der Vorgehensweise. Als grundlegend bei der Suche nach geeigneten Interviewpartnern erwiesen sich insbesondere die Kenntnis der Gegebenheiten vor Ort und Nutzung der bereits bestehenden Kontakte.

Zweckmäßig und in der gegebenen Situation sehr ertragreich war der Einsatz der Schneeball-Methode (Schneeballauswahl/Snowball sampling), die in der Praxis darin bestand, dass wir von „Informatoren“ vor Ort Hinweise auf ihnen bekannte, möglicherweise den festgelegten Kriterien entsprechende Personen bekamen. Nach dem Schneeballprinzip konnten dann durch die Vermittlung von bereits interviewten Personen weitere Kontakte geknüpft werden. Der Erfolg dieses Prinzips erklärt sich durch die Tatsache, dass sich Personen mit ähnlichen Charakteristiken möglicherweise kennen. Die Schneeballmethode wird in Fällen eingesetzt, in denen man die Hilfe der sog. Insider in Anspruch nimmt, die über detaillierte Kenntnisse der jeweiligen Kommunität verfügen. Dank der Kontakte zu tschechischen wie bayerischen Ämtern, Institutionen und Einrichtungen und insbesondere zu lokalen sog. opinion makers (auch opinion leaders genannt) konnten genügend Personen gefunden werden, die dann anschließend in gesteuerten Interviews (sog. narrativen Gesprächen) befragt wurden. 

 

Literatur:

DISMAN, Miroslav. Jak se vyrábí sociologická znalost: příručka pro uživatele. 4., nezměn. vyd. Praha: Karolinum, 2011. ISBN 978-80-246-1966-8

HOLÁ, Lenka. Mediace a možnosti využití v praxi. Praha: Grada, 2013. ISBN 978-80-247-4109-3.

JEŘÁBEK, Hynek. Úvod do sociologického výzkumu. Praha: Univerzita Karlova, 1992. ISBN 80-7066-662-5.

NOVÝ, Ivan a Alois SURYNEK. Sociologie pro ekonomy a manažery. 2., přeprac. a rozš. vyd. Praha: Grada, 2006. ISBN 80-247-1705-0.

ROMANCOV, Michael. Politická geografie. In: CABADA, Ladislav a Michal KUBÁT. Úvod do studia politické vědy. Praha: Eurolex Bohemia, 2002. ISBN 80-86432-41-6.

RÜDIGER, Jacob a Willy H. EIRMBTER. Allgemeine Bevölkerungsumfragen: Einführung in die Methoden der Umfrageforschung mit Hilfen zur Erstellung von Fragebögen. München/Wien: R. Oldenbourg Verlag, 2000. ISBN 3-486-24157-5.